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Adyatma’dhya - Meditation

by Aaravindha Himadra

Vor nicht allzu langer Zeit verstand man in Europa und fast der gesamten westlichen Welt nur wenig von Meditation oder wusste, wie man sie richtig praktiziert. Doch scheinbar ändert sich all dies nun, denn allein in den USA gibt es bereits 32 Millionen Menschen, die regelmäßig oder gelegentlich meditieren. Dennoch scheint es große Unterschiede in den Ansichten darüber zu geben, was Meditation wirklich ist oder nicht ist. Verwirrung besteht nicht nur in der westlichen Hemisphäre; es ist ein globales Problem.
Tatsächlich sind sich im Großen und Ganzen die geläufigsten Vorstellungen über Meditation, im modernen Osten wie im Westen, sehr ähnlich.

Ein Beispiel: Ein sich Niederlassen in einer inneren Besinnlichkeit oder dem kreativen Vorstellungsvermögen – eine gängige Praxis in unserer verwestlichten Meditation – wird im Osten meist als Mano-Bhavana bezeichnet. Nach innen gerichtete Reflexion oder die Suche nach einem selbst-orientierten Verständnis wird in Indien Manana genannt. Sich meditativ auf einen einzelnen Gedanken zu fokussieren bezeichnet man als Dhyanamatra. Die Konzentration auf ein einzelnes Objekt nennt man Ekotibhava. Nach außen gerichtete Formen der Meditation, die eine Entwicklung von bedeutungsvoller und achtsamer Balance im weltlichen Leben einschließen, werden manchmal als Bahiryoga und zeitweise als Kriyavat bezeichnet. Und dies sind nur einige wenige Beispiele einer breiten Auswahl an Ost-West Definitionen, die derzeit mit Meditation in Verbindung gebracht werden.

Zudem gibt es noch das Gebet, achtsames Gewahrsein im Alltag, angewandte Bedachtsamkeit oder Kontemplation, kreative Visualisierungen, Entspannung und selbst das Sitzen oder Gehen in der Natur wird in verschiedensten Formen als gültige Meditationstechnik gelehrt und praktiziert. Das Ergebnis ist, dass eine genaue und definierbare Theorie der Meditationspraktik ungreifbarer denn je geworden ist. Auch wenn all diese Praktiken einen gewissen Wert haben mögen, können die verschwimmenden und lockeren Grenzen, die eine Meditationstechnik heutzutage definieren, verwirrend sein.

Wir sind uns nun bewusst, dass all diese Formen gegenwärtig Teil der weltweiten Verwendung des Wortes „Meditation“ sind. Aber gibt es auch einen Begriff, der Meditation exakter umschreibt? Einen Begriff, der etwas Licht in die älteren Meditationspraktiken bringen könnte – bewährte Praktiken, die Tausende von Jahren erprobt und kultiviert wurden? Kultiviert durch die sich entwickelnden Traditionen und ihre tiefe Hingabe an die Selbst-Realisation, dem Erlangen von Samyaksambodhi, Erleuchtung?

Ja, es gibt eine Vielzahl solcher Begriffe – doch ein Sanskrit-Begriff hebt sich von den anderen deutlich ab, denn er ist eine Referenz zu einem lange Zeit gültig gewesenen zentralen Standard der Meditation. Es ist das Wort Adyatma’dhya, was übersetzt werden kann als „das bewusste Anwenden des nach innen gerichteten Gewahrseins, das dem Praktizierenden erlaubt jenseits der gewöhnlichen Begrenzungen des Denkens zu transzendieren.“ Mit anderen Worten bezieht es sich auf eine Praktik, die den Praktizierenden zur tiefsten Essenz des Seins bringt, dem Herz des Selbst auf Quantenebene, jenseits der denkenden Begrenzungen der sinnes-aktiven Psyche. Betrachten wir den Begriff einmal genauer: Adya bedeutet „der Eine ohne Sekunde“, „der Ursprüngliche“ oder „der Erste“; Atma bedeutet „essenzielles Selbst“ oder „reines Sein“; Dhya bedeutet „das Gewahrsein so einzusetzen, dass es transzendent in das Selbst gewandt ist“. Und obwohl sich dies nicht leicht in Worte fassen lässt, ist es dennoch relativ einfach zu verstehen, wenn einmal die grundlegende Struktur unseres menschlichen Bewusstseins verstanden worden ist.

Gautama Buddha wurde einst von einem seiner Schüler gefragt: „Wie finden wir unseren Weg auf dem Pfad? Wie sollen wir praktizieren?“

Buddha antwortete: „Ein Schüler, der das Loslassen zum Hauptgegenstand seiner Meditation macht, kann leicht Stille erlangen. Diese zu erlangen ist der wahre Zweck der Meditation. Ein solcher Schüler erreicht den wesentlichen Bewusstseinszustand, der den inneren Fluss der Glückseligkeit fördert.“

Auf den ersten Blick mag diese Aussage in ihren Zusammenhängen sehr einfach erscheinen, doch sie umfasst das breitere Verständnis einer weitreichenden und lange bestehenden Tradition an Wissen, die bereits Tausende von Jahren vor dem Buddhismus existiert hatte. Folglich kann ein Stückchen Wahrheit, wenn es neu präsentiert wird, in seiner Essenz nur das Echo einer Wahrheit sein, die immer schon gewesen ist – daher ist sie auch heute noch wahr.

Eine alte indische Weisheit besagt: „Manas Eva Manushyanam, Karana Bandha Moksha Yoho“ – „Wie die Psyche, so die Person – der Zustand der Psyche fesselt entweder an die Unfreiheit oder schenkt Befreiung.“ Diese Weisheit steht zumindest teilweise in direktem Zusammenhang mit dem Hintergrund, aus dem heraus Buddha seinem Schüler wahrscheinlich diese Worte gesagt hat. Denn der wichtigste Grund, warum man meditieren sollte, liegt in der anfälligen Natur der Psyche und dem, was jenseits von ihr wartet.

Fast 380 Jahre nach der Geburt von Gautama Buddha, im Jahre 180 v. Chr., schrieb ein angesehener Sramana-Gelehrter namens Maharishi Patanjali eine ontologische Abhandlung. In dieser skizzierte er in 196 Sutras eine genaue Methodik, um Selbstrealisation zu erlangen und Kaivalya – der selbst gewahren Stille, von der Buddha in seinen Anweisungen gesprochen hatte. Ein Sutra ist ein Vers, der auf enge Weise mit jedem der anderen Verse verknüpft ist, die ihn begleiten. Die wichtigsten Sutras in Maharishi Patanjalis 196 Sutra langen Abhandlung waren zweifellos „Yogas Chitti Vritti Nirodha – Tada Drastuh Svarupe Vasthanam – Vritti Svarupyam Itaratra.“

Diese Sutras können wie folgt übersetzt werden: „Wenn die wahrnehmungsverzerrenden mentalen Muster, welche die Funktionsprinzipien des Mind beeinflussen, in einem Zustand vollkommenen Stillstands aufgelöst sind, realisiert der Wahrnehmende die Einheit. Nur dann erlangt der Wahrnehmende seine erleuchtete Natur wieder. Andernfalls verursachen diese wahrnehmungsverzerrenden Muster, dass der Wahrnehmende weiterhin den Verzerrungen gleicht.“

Was sind also diese Vritti-Verzerrungen, die uns davon abhalten erleuchtet zu sein? Sie sind die zu Mustern gewordenen mentalen Gewohnheiten, die das Verlangen des Egos formen. Begehren, die zu einem weitläufigen Gefüge von Anhaftungen und Aversionen führen. Wenn diese erst einmal in die Psyche integriert worden sind, verursachen sie beständig Missverständnisse darüber, was real ist und was nicht und auch darüber, was uns Erfüllung bringt oder nicht. Sie lassen uns als jemand erscheinen, der wir nicht sind, und spiegeln uns das Leben auf eine Weise wieder, die nicht der Wirklichkeit entspricht. Einfach gesagt ist die Meditation dazu gedacht, unser Mittel zu sein, um dieses Problem aufzulösen und uns selbst wieder zurück in die Ausrichtung mit der Wahrheit unseres Seins zu bringen: Sie gibt uns unsere richtige Wahrnehmung zurück und befreit uns, damit wir unser Leben als Ausdruck unseres vollen Potenzials leben können. Wir erreichen dies durch einen Prozess, den Buddha als einen „Prozess des Loslassens“ beschrieben hat. Patanjali fand dafür die Worte: „Das Transzendieren durch unsere Gedankenmuster hindurch, in ein Bett der Stille hinein, aus dem daraufhin die rechtmäßigen Wahrnehmungen aufsteigen können, um uns zu dem für uns vorgesehenen Leben zu verhelfen.“

Das „uns bestimmte Leben“ ist, worauf Buddha sich in seinen Anleitungen bezog, als er sagte: „Ein solcher Schüler erreicht den wesentlichen Bewusstseinszustand, der den inneren Fluss der Glückseligkeit fördert.“ Glückseligkeit kann uns als Wegweiser zur Erfüllung dienen. Unser Prozess des Loslassens kann uns dazu bringen, diese Strömungen wahrzunehmen, die in uns aufsteigen und tief aus dem Ozean der Stille stammen, der an der Quelle unseres Wesens ruht. Wenn wir in der Lage sind, unser müheloses Loslassen aufrechtzuerhalten, können wir auch unsere Willigkeit frei in die aufsteigenden Strömungen der Glückseligkeit einfließen lassen. Ist dies einmal erreicht, tragen diese Ströme den Hingegebenen in seine Bestimmung, indem sie sich durch ihn als reine kreative Intelligenz in den Ausdruck bringen. Im Wesentlichen ist dies das einzige uns zur Verfügung stehende Mittel um Dharma zu realisieren und in den Ausdruck zu bringen.

Wir meditieren also um unser Dharma zu realisieren, was uns wiederum in unser höchstes Potenzial im Leben führt: Samyaksambodhi – Erleuchtung.

Es gibt einige Meditationspraktiken, die dabei helfen können, dieses hohe Ziel zu erreichen. Doch sie müssen ein paar Kernprinzipien enthalten: Die Praktik muss mühelos sein, diszipliniert, beständig praktiziert werden und nach innen auf die Quelle des natürlichen Seins gerichtet sein. Sie muss ihrer Natur nach transzendental sein und muss immer die Praxis des Loslassens beinhalten. Das ist Adyatma’dhya.

© Aaravindha Himadra 2014, übersetzt von Aiyanna Diyamayi

http://www.aaravindha.com/adyatmadhya-meditation-2/?lang=de